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Start Der Coreolanus Betrug

Der Coreolanus Betrug



„Der Coreolanus Betrug“ schildert die atemlose Jagd nach den legendenumrankten Schätzen des Toplitzsee und deren Verbindung zum „Unternehmen Bernhard“ der größten Geldfälscheraktion der Kriegsgeschichte. Ein Journalist stößt im Wrack der „Coreolanus“ ,einem vor der Küste Istriens gesunkenem Spionageschiff auf eine in die letzten Tage des zweiten Weltkrieges zurückführende Spur, die ihm nicht nur Auftragskiller von serbischen Nationalisten und Agenten, sondern auch eine verschwiegene Abteilung des britischen Geheimdienstes – die SOE – auf den Hals hetzt.
Elemente des klassischen Abenteuerromans mit Referenzen zu Jules Verne, Karl May, Robert L. Stevenson und Alexandre Dumas sind dabei in die Geschichte verwoben.



LESEPROBE :

PROLOG

16. April 1945

Seengegend im Salzkammergut, Ostmark (heutiges Österreich)

Seine Hand ertastete das Halfter seiner Pistole.

Auf der kleinen Waldlichtung war es so dunkel und die Sicht so schlecht, dass man ohne Lampe nicht mal seine ausgestreckte Hand erkennen konnte. Mit dem ersten Morgengrauen sollten sie ihre Aufgabe abschließen. Jetzt, mitten in der Nacht, war es noch zu gefährlich. Das Ufer des noch immer von einer – allerdings bereits weichen und brüchigen – Eisschicht bedeckten Toplitzsees war nicht eindeutig auszumachen und daher jeder Schritt gefährlich.

Dazu hatte sich der Schnee, in dem sie tagsüber viermal mit all ihren Fahrzeugen stecken geblieben waren, inzwischen in dreckigen Matsch verwandelt. So warteten die Männer in den Fahrzeugen oder unter den halb zerstörten Unterständen.

Noch immer prasselte der schwere Regen unermüdlich auf das kleine Lager und schluckte jedes Geräusch. Nicht einmal das Brummen der Kampfflugzeuge der Alliierten war in dieser Nacht zu hören. Den ganzen Weg über vom KZ Sachsenhausen, wo sie den LKW-Zug übernommen hatten, begleitete sie dieses unheimliche Geräusch Das Bombardement war allgegenwärtig, noch immer wurde Angriffswelle um Angriffswelle geflogen. Nur die wenigsten LKW-Züge hatten es überhaupt bis in den Schutz des Gebirges geschafft. Sie hatten Glück und nur zwei LKWs verloren. Angesenkte Pfundnoten waren nach dem Bombenangriff durch die Luft geflogen. So hatten die Bomben ihnen die Vernichtungsarbeit abgenommen. Ein sinnloses Vernichten von Millionen.

So sinnlos wie vieles andere in diesem Krieg.

 

Das Wetter passt zur Lage und Stimmung – nicht nur meiner Männer, sondern des ganzen Reiches, dachte Leutnant Kirchhof.

Sein Daumen löste die Sicherung des Pistolenhalfters an seinem Gürtel. Er zog die Kapuze des Regenschutzes über den Kopf und stapfte durch den schlammigen Grund über die Lichtung. An ihrem äußersten Rand stand, unter einem mächtigen Baum, ein kleines Zelt: Selbst jetzt hielt der Hauptmann noch Distanz zu seinen Männern. Der junge Leutnant schüttelte den Kopf. Durch die Zeltwand drang matt der Schein einer Lampe.

Kirchhof schob die Plane am Eingang zur Seite.

»Darf ich eintreten, Herr Hauptmann Paul?«, fragte er in zackigem Ton und leicht deutschem Akzent, den sich der Pongauer angewöhnt hatte.

»Kommen Sie herein, Leutnant! Schlafen die Männer?«

Kirchhof nickte.

»Um Vierhundert ist Tagwache. Die Amerikaner sind nur wenige Stunden hinter uns. Wir führen den Befehl aus und besetzen dann die Straßenschneise. Die Amerikaner werden viel Blut lassen.« Die Stimme von Hauptmann Thorsten Paul war fest und überzeugt.

»Ja, die Amerikaner viel. Sehr viel. Wir aber alles. Aber so wird es nicht laufen!«

Die Augen des Hauptmannes weiteten sich, sein Mund öffnete sich, um etwas zu sagen, aber sein Gesicht blieb, verwirrt und entsetzt zugleich, reglos.

Durch den Regenschutz des Leutnants blitzte es dreimal. Dreimal drückte Kirchhof ab. Alle drei Schüsse trafen seinen Vorgesetzten in die Brust; eine Kugel ins Herz. Der Hauptmann kippte zur Seite, die Uniform färbte sich blutrot.

Kirchhof beugte sich über den Toten und nahm ihm die Abzeichen ab. Dann untersuchte er die Taschen der Uniform und das Zelt.

Hinter ihm raschelte es. Kirchhof schnellte herum, den Finger am Abzug. Hinter ihm stand sein Freund und Kamerad Leutnant Gerlich. Seit ihrer Ausbildung hatten sie gemeinsam den Krieg durchlebt. Und überlebt.

Gerlich sah erschöpft aus. Regenwasser lief an ihm hinab.

Kirchhof senkte die Pistole. Er versuchte zu lächeln.

»Der Wahnsinn ist vorbei«, sagte er.

»Ja, dieser«, antwortete Gerlich. »Aber ein neuer beginnt.«

 

 5. Mai 1945

N45-19-11, E13-23-25, rund sechs Meilen vor Novigrad, Istrische Halbinsel

 

Nicht mal fünf Minuten waren seit dem Schuss verstrichen.

Hirnmasse und Blut klebten an der Wand hinter Lt. Hunts Sessel. Der leblose Körper des Kommandanten des britischen Aufklärungsschiffes Coreolanus lag vor dem Stuhl am Boden, sein Hinterkopf war eine formlose, blutige Masse aus Haut, Fleisch und Knochen.

Einen Augenblick lang stand Bond, der Erste Offizier des Schiffes, regungslos da und starrte auf die Leiche, dann stürmte er zurück an Deck. »Alarm!«, brüllte er, die enge Eisentreppe zum Deck hochstürmend, »Alarm! Gefechtsstationen besetzen! Suchscheinwerfer an!«

Die Alarmsirene schrillte, Männer stürmten an Deck, die großen Suchscheinwerfer flammten auf und je zwei Mann besetzten die drei MG-Stände.

Bond selbst rannte zu den Suchscheinwerfern, deren Lichtkegel backbord und steuerbord die Meeresoberfläche kreuzten.

»Da!«, schrie der Mann neben ihm. »Unser Boot! Steuerbord, hundert Yards!«

Die zwei Männer am vorderen MG-Stand reagierten sofort, richteten das schwere Maschinengewehr wie befohlen aus, und nur Augenblicke später peitschten Schüsse durch die Nacht, übertönten den hektischen Lärm auf dem Schiff.

Auch das hintere Maschinengewehr war nun auf das Ziel ausgerichtet, ein Ziel, das dem Bug der Coreolanus stetig näher kam. Fünf Männer stürmten, mit Maschinenpistolen bewaffnet, zum Bug der Coreolanus, wo das Ziel gerade verschwand. Die beiden nach Steuerbord ausgerichteten Maschinengewehre hatten es verloren und waren verstummt, das nach Backbord ausgerichtete wurde durchgeladen.

Am Bug knatterten jetzt die Maschinenpistolen der fünf Soldaten. Ihr Feuer wurde von dem kleinen Boot aus erwidert, das wieder vor dem Bug der Coreolanus auftauchte. Das Backbord-MG ratterte los, um Sekunden später erneut zu verstummen.

 

Eine mächtige Erschütterung durchlief das Schiff und im selben Augenblick erfolgte der Knall einer gewaltigen Explosion, die einen blendend hellen Feuerblitz auslöste.

Bond und die Soldaten wurden auf die Deckplanken geschleudert, der MG-Schütze hing bereits regungslos über der Waffe; Blut tropfte von seiner Stirn. Das ganze Schiff wankte. Eine zweite, ohrenbetäubende Explosion, diesmal im Inneren des Schiffes, folgte. Männer schrieen, brüllten Befehle, weitere stürzten an Deck, doch eine nächste Explosion aus dem Inneren schleuderte sie zu Boden oder über Bord. Mittschiffs brachen die Aufbauten zusammen, der Schornstein der Coreolanus knickte ein, stürzte auf das Deck und begrub drei Männer unter sich.

 

Die erste Explosion hatte ein riesiges Leck in den Rumpf der Coreolanus gerissen. Innerhalb weniger Sekunden strömte Wasser herein, flutete das Schiff und erdrückte mit seiner Wucht die Männer, die versuchten, an Deck zu gelangen. Feuer brach aus, wurde aber im nächsten Augenblick durch die einströmenden Wassermassen gelöscht.

Noch immer bebte und schwankte das Schiff.

In Panik sprangen einige Männer, die es an Bord geschafft hatten, über die Reling.

»Rettungsboote besetzen! Das Schiff sinkt!«, brüllte jemand, doch seine Worte gingen in einer weiteren Explosion aus dem Inneren des Schiffes unter. Diesmal war es nicht die Explosion einer Sprengladung, sondern eine unter dem Druck der eindringenden Wassermassen.

Die Männer verloren den Halt, ein Rettungsboot glitt backbord ins Meer und riss zwei der Soldaten mit in die Tiefe. Das Schiff neigte sich plötzlich stark nach Backbord und begann zu kentern. Weitere Besatzungsmitglieder wurden über die Reling geschleudert, das bereits ins Wasser geglittene Rettungsboot vom Gewicht der Coreolanus zerdrückt. Verzweifelt versuchten die letzten Überlebenden, sich irgendwo festzuklammern oder auf der Steuerbordseite ins Meer zu springen.

 

Das Beben des Schiffes schleuderte Mark Griffin, der sich allein in der kleinen Kajüte im zweiten Unterdeck der Coreolanus aufhielt, vom Stuhl. Über die moderne Abhöranlage konnte er die Funksprüche der eigenen Brücke empfangen, er hörte die Hilferufe und versuchte, Verbindung mit der Brücke aufzunehmen. Doch niemand antwortete ihm. Er musste raus. Er warf die Kopfhörer auf das Pult, schnappte sich den schwarzen Koffer, sprang zur Tür und drückte dagegen. Doch sie ließ sich nicht öffnen. Er drückte noch stärker, presste seine Schulter dagegen, während ihm Schweiß auf die Stirn trat.

Griffin stellte den Koffer ab und warf sich verzweifelt gegen die Tür. Sie ließ sich nicht öffnen! Sie war blockiert! Und er gefangen in einem Sarg aus Stahl. Er war tot. Tot. Die Erkenntnis ließ ihn zurück auf den Sessel sinken. Wieder griff er nach dem Koffer und klammerte sich an ihn. Noch einmal bebte das Schiff und kippte dann nach Backbord.

Griffin wurde gegen das Pult der Abhöranlage geschleudert. Doch den Koffer hielt er noch immer fest umklammert.

 

Unglaublich schnell begann das Schiff zu sinken, während die Schreie der Besatzung kaum noch zu hören waren. Dann plötzlich war es war still und weniger als sechs Minuten nach der ersten Explosion schloss sich das Meer tosend über der Coreolanus. Ein Fischernetz und einige Kleinteile trieben im Wasser, sonst war nichts mehr von dem Schiff zu sehen.

Kein Boot hatte es geschafft. Manche Männer waren vom Sog in die Tiefe gerissen worden, drei, vier trieben noch im Wasser. Sie riefen einander in der Dunkelheit zu und traten Wasser, um nicht unterzugehen. Dann war das Geräusch eines Motors zu hören, der Lichtkegel einer starken Lampe zu sehen. Die Männer schrieen um Hilfe. Nur wenige Augenblicke später krachte ein Schuss, und einer der Männer verschwand in den Fluten. Die übrigen Männer verstummten.

Doch die Lampe suchte sie. Und weitere Schüsse krachten, bis es ganz still war und das Meer wieder ruhig und friedlich in der windstillen Nacht dalag.

Es war ein gespenstischer Gegensatz zum Lärm und Schrecken, die noch vor wenigen Minuten die Nacht erfüllten.

 

 ISTRIEN; Nahe Novigrad

Das nasse Etwas war rot.

Es sah aus wie ein Tropfen Blut. Widerlich! Ein zweiter Tropfen fiel gleich daneben auf seine Schulter, gefolgt von einem dritten. Richard schüttelte sich angeekelt. Langsam blickte er nach oben.

Der Anblick, der sich im bot, war seltsam, absurd, und schrecklich zu gleich – wie ein Bild von Dali, verschmolzen mit einem Bacon.

Drei, vier Meter über ihm hing, in den Ästen der Pinie, ein Taucher. Ein Taucher in voller Ausrüstung: Neoprenanzug, Sauerstoffflasche, Kapuze, Taucherbrille, Tauchjacket.

Der Mund des Tauchers stand weit offen, der sichtbare Teil des Gesichtes war zerschunden, die Zähne ausgeschlagen, das Glas der Brille zersplittert, und durch das kaputte Glas starrten ihn aufgerissene, leblose Augen an.

Das Blut tropfte in dicken, schweren Tropfen aus dem Mund des Toten.

 

 

DIE COREOLANUS ENTDECKUNG

 

1

16. Mai 2004

Novigrad, Istrische Halbinsel

…mehr  in „Der Coreolanus Betrug“ – ab 30.4. 2010 im Buchhandel